Das Curriculum

Wir verstehen die Arbeit des Fachpädagogen für Psychotraumatologie als eine Aufgabe, bei der der Pädagoge, die Pädagogin sein/ihr Fachwissen anwendet, um in der professionellen tragenden sozialen Beziehung und einem realen sozialen Rahmen den Anstoß für die Wiederaufnahme der traumabedingt unterbrochenen Entwicklung bietet.

Die zertifizierte Weiterbildung richtet sich an Fachpersonen, die im beruflichen Alltag in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind, die ein psychisches Trauma erlitten haben.

Zulassungsvoraussetzungen:

Berufliche Qualifikation:

Abgeschlossene Fachschulausbildung in erzieherischen, sozialadministrativen und pflegerischen Berufen (Ergotherapeuten, LogopädInnen, Pflegefachkräfte, HeilerziehungspflegerInnen, Hebammen, PhysiotherapeutInnen) oder vergleichbare Abschlüsse.

Hochschul- oder FachhochschulabsolventInnen mit Abschlüssen im psychologischen oder pädagogischen Bereich Dipl.-PsychologInnen, Dipl.-PädagogInnen, Dipl.-SozialpädagogInnen, Dipl.-HeilpädagogInnen, SonderpädagogInnen, LehrerInnen und Absolventen mit vergleichbaren Hochschulabschlüssen (BA., MA.)

Berufserfahrung:

Für die Teilnahme ist eine 3-jährigeBerufserfahrung in den oben genannten Berufsfeldern notwendig.

Zertifizierung:

Die Zertifizierung erfolgt durch unseren Kooperationspartner SIPT Winterthur. Die Zertifizierung ist kostenpflichtig.

Voraussetzungen für die Zertifizierung

Das Curriculum besteht aus 144 UE Präsenzveranstaltungen und 10 UE eigenständigem Literaturstudium.

Es können maximal 10% der Präsenzveranstaltungen versäumt werden. Bei triftigen Gründen können einzelne Module nachgeholt werden.

Abschlussarbeit:

Zum Erwerb des Zertifikats ist die Anfertigung einer Abschlussarbeit im Umfang von 10-15 Seiten erforderlich. Die TeilnehmerInnen erstellen aus ihrem jeweiligen Arbeitsfeld einen Fallbericht, eine Projektdarstellung u.ä.

Die Arbeit soll innerhalb eines Vierteljahres nach Abschluß des Curriculums schriftlich bei der Ausbildungsleitung eingereicht werden.


Inhalte des Curriculums:


Modul 1 Allgemeine Psychotraumatologie

  • Begrüßung und Kennenlernen der TeilnehmerInnen
  • Historie der Psychotraumatologie und „Traumapädagogik“
  • Abgrenzung der unterschiedlichen Arbeitsfelder
    • Pädagogik
    • Beratung
    • Akuthilfe
    • Therapie
  • Standortbestimmung: psychodynamisches Verstehen vs. Behaviorale Ansätze
  • Grundlagen der Psychotraumatologie:
    • Physiologie und Neurobiologie des Traumas
    • Besonderheiten des Traumagedächtniss
    • Einführung in die Psychologie des Traumas (TS, TKS, minimaler kontrollierbarer Handlungsspielraum)
    • Verstehen von Dissoziationen
    • Verlaufsmodell psychischer Traumatisierungen und die Bedeutung für die pädagogische Arbeit (Protektive Faktoren, Risikofaktoren)
    • Diagnosekriterien nach ICD10 und DSMV
  • Vertiefung der Psychodynamik psychotraumatischer Störungen
    • Bezogen auf die Betroffenen
    • Bezogen auf Systeme (Familien, Ersatzfamilien, Jugendhilfe, Schule, etc.)
    • Bezogen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
  • Kategorien von Psychotraumta
    • Dauer
    • Verursachung
  • Differenzierung zwischen Konflikt und Trauma in der traumapädagogischen Arbeit
  • Praxisteil: Anwendung der Erkenntnisse in der Praxis; Erkennen von traumakompensatorischen Verhaltensweisen im Alltag anhand von Beispielen der TN

Modul 2 Entwicklungspsychologie und –neurobiologie des Kindes- und Jugendalters

  • Neurobiologie und Neuroendokrinologie des Traumas mit dem Schwerpunkt der frühkindlichen Entwicklung
  • Trauma und kindliche Entwicklung
    • Eigenaktivität
    • Sensomotorik
  • Trauma und Bindung
    • Entwicklungstraumatisierung
    • Die Bedeutung eigener Bindungserfahrungen für die Förderung der Bindungsfähigkeit traumatisierter Kinder
  • Verlaufsmodell einer traumabezogenen Psychotherapie zum Verständnis traumabedingter Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen
  • Standards der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen
    • Einführung in die Grundlagen zur Stabilisierung von Betroffenen im System
    • Grundlagen der Reorientierung in dissoziativen Zuständen
  • Schnittstellenarbeit Pädagogik – Psychotherapie: pädagogische Arbeit als Unterstützung therapeutische Prozesse
  • Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern (Jugendhilfe, Schule, Kita, Ärzte, etc.)

Modul 3 Handhabung der Übertragung und Gegenübertragung traumatisierender Erfahrungen; Handhabung der traumatisierenden Übertragungen auf die Pädagogen

  • Theorie der Übertragung und Gegenübertragung
    • Differenzierung der Übertragungen und Reflexion
    • Übertragungen erkennen und beziehungsfördernd nutzen
  • Übungen zur Übertragung/Gegenübertragung
  • Probleme und „Fallen“ im Beziehungskontext mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen und deren Bezugssystemen
  • Rolle des Pädagogen
    • Bedeutung der eigenen Beziehungsgeschichte
    • Selbstverständnis
    • Reflexionsfähigkeit
  • Weitergabe von traumatisierenden Erfahrungen
    • Transgenerationale Traumatisierung
    • Sekundäre Traumatisierung
    • Retraumatisierung
  • Selbstfürsorge, kollegiale Selbstfürsorge
    • Mitleiden vs. Abstumpfen
    • Möglichkeiten des Selbstschutzes

Modul 4 Supervision, Entwicklungspsychologie und Trauma

TeilnehmerInnen stellen Fallvignetten aus dem beruflichen Alltag vor. Die Fallarbeit soll die bisherigen Kenntnisse berücksichtigen. Reflexion des Veränderungsprozesses im Fallverstehen, Integration neuer Erfahrungen in den bisherigen Arbeitsablauf und ggf. auftretende Konsequenzen. Zweifel und Kritik sollen in der Gruppe erarbeitet und besprochen werden.

  • Vertiefung der Theorie zur Entwicklungspsychologie und Trauma
  • Entwicklungspsychologie: Entwicklungsalter-Entwicklungsaufgaben-verzögerte Adoleszenz
  • Auswirkungen von Traumatisierungen auf den Entwicklungsverlauf
    • Entwicklungsverzögerungen
    • „Lernbehinderungen“
    • Somatische Symptome
  • Pädagogische Arbeit im „Hier und Jetzt“ zu bleiben aus der Perspektive des Kindes/Jugendlichen und entsprechend des Entwicklungsstandes
    • Unterstützen der Regulationsfähigkeit
    • Distanzierungshilfen
    • Stabilisierung durch die Beziehung

Modul 5 Traumasensible Intervention und Methoden in der Pädagogik

  • Das Konzept der „Pädagogik des sicheren Ortes“
  • Methoden und Techniken

Modul 6 Psychohygiene für Pädagogen, Pädagogische Diagnostik und Indikation

  • Einführung in die Myoreflextherapie
    • Der Körper als Manifestationsort von traumatisierenden Erfahrungen
    • Traumaassoziierte Körperhaltungen erkennen
    • Kennenlernen und Einüben der Grundübungen zur eigenen Psychohygiene

  • Pädagogische Diagnostik
    • Grundlagen der Diagnostik (in Anlehnung an Fischer & Riedesser)
    • Faktenwissen (Anamnesen, Berichte, etc.)
    • Verhaltensbeobachtung
    • Nutzen des Übertragungsgeschehens
    • Formen der Dissoziationen wahrnehmen und verstehen

  • Erarbeiten der Basisinterventionslinie für die pädagogische Arbeit
    • Differenzierung Traumaschema – Traumakompensatorisches Schema – Symptom
    • Differenzierung: pädagogische Interventionen – therapeutische Interventionen

  • Altersadäquate Stabilisierung (Individuell, durch das System, Techniken)
  • Transfer der Theorie in die Praxis anhand von Fallbeispielen der TeilnehmerInnen (bitte Material mitbringen), Supervision

Modul 7 Trauma im Kontext von Migration und Flucht

  • Trauma, Trauer oder massive Erschöpfung?
    • Differenzieren der Begriffe
    • Pädagogisches Handeln bei Trauer, Trauma und Erschöpfung: was ist vorrangig?
  • Was bedeutet Migration?
  • Unterschied Migration – Flucht
  • „Kultursensibler Umgang mit traumatisierten Menschen“ wie sieht das aus? Worauf ist zu achten?
  • Vertiefung: Weitergabe von traumatisierenden Erfahrungen
  • Praxisteil: Transfer in die Praxis anhand von Fällen der TeilnehmerInnen, Supervision

Modul 8 Grundlagen: Spezielle traumatisierende Erfahrungen

  • Vernachlässigung und Misshandlungen
  • Häusliche Gewalt
  • Sexuelle Grenzverletzung
  • Strukturelle Gewalt

Modul 9 Grenzen der „traumapädagogischen Arbeit“; Netzwerke; Abschlussreflexion

  • Grenzen die in der Person der Helfer/Bezugspersonen liegen
  • Kollusion im Team
  • Unbekannte Helfer/Verhinderer der pädagogischen Arbeit („Freunde“, Herkunftsfamilie, Täter, Institutionen)
  • Strukturelle Probleme
  • Netzwerkarbeit: finden einer gemeinsamen Sprache
    • Kollegiale Unterstützung
    • „Runder Tisch“
    • Kooperation mit den „Mitbehandlern“
    • Die sog. Traumatherapien

Abschlussreflexion: Reflexion der TeilnehmerInnengruppe bzgl. persönlichen Veränderungen und Einsichten, Auswirkungen der Weiterbildung auf die Arbeit im jeweiligen Berufsfeld.